Sockensammlung

Ich bin stolze Besitzerin von 85 Paar Socken, zwei Nylon-Strumpfhosen, einer Baumwollstrumpfhose und drei einzelner Socken. Wem diese Information etwas nützen soll? Keine Ahnung, aber nachdem ich inzwischen drei geschlagene Wochen versuche wieder Herrin meines Kleiderschrankes zu werden, empfand ich die Tatsache, 173 Socken zu haben erstaunlich. Theoretisch benutze ich jedes Paar exakt 4,29 Mal – zumindest im Gemeinjahr mit 365 Tagen. Auch ergeben sich aus den 173 Einzelsocken unglaubliche Gestaltungsmöglichkeiten (wobei ich pink nicht unbedingt mit gepunkteten Tigersocken kombinieren würde). Aber Mal ganz ehrlich, kein Mensch braucht 85 Paar Socken. Deshalb will ich auch unbedingt ausmisten. Wenn ich dann aber meine wunderbare Sockensammlung durchgehe, fällt die Ausmisterei ganz schön schwer. „Ausmisten ja – aber….“

Dieses Motto hatte gestern auch das Urteil des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe. Die Richter erkannten nämlich auch die unglaublichen Gestaltungsmöglichkeiten des Lissabon-Vertrags. Die Herren mussten die Abgeordneten des Bundestages daran erinnern, sich doch bitte nicht selbst zu entmachten, indem sie Verantwortungsbereiche an die EU weiter delegierten. Glücklicherweise wurde ihnen aber jetzt die Auflage erteilt ihre Vorlage auszubessern. Schließlich soll die EU keinen Freibrief bekommen. Wenn es um die Übertragung nationaler Kompetenzen auf die EU geht, müssen sowohl die Bundesländer (also der Bundesrat) als auch der Bundestag zustimmen. Das EU-Parlament sei schließlich kein wirklich demokratisch gewähltes Parlament – zumindest ich kann mich jetzt schon nicht mehr daran erinnern, wenn ich überhaupt bei der Europawahl gewählt habe. Überhaupt ist die EU für mich wie eine unübersichtliche Schublade bunter Socken. Es kommen immer mehr Sockenpaare dazu und man hat keine Ahnung was dieses oder jenes Sockenpaar eigentlich macht. Und trotzdem bestimmt die gesamte Sockenschublade wie lang eine Gurke sein darf – zumindest bis vor kurzem. Jetzt dürfen wir auch wieder krumme Gurken haben. Den Löwensocken hat im Moment übrigens Schweden…Wenn ich an Schweden denke, denke ich an blonde Haare und ABBA (aber das gehört wieder einmal nicht zum Thema)…Jedenfalls ist mir nicht nur die heimische Sockensammlung ziemlich unlieb, auch die EU-Sockenschublade hat in den letzten Jahren deutlich an Glanz verloren. Sie schottet sich nämlich weitestgehend von Entwicklungssocken ab(wobei sie ja gerade aus diesen Ländern billig Ware bezieht) und sorgt mit einem so genannten Socken-Schwellenwert dafür, dass Entwicklungssocken beim Export in die Schublade jede Menge drauf zahlen. Aber das dürfen „wir“ natürlich – immerhin zahlen wir teuer Entwicklungshilfe. Da können wir es ihnen an anderer Stelle auch ruhig wieder aus der Tasche ziehen;)….

Mister Besenstiel hat uns im Zuge der EU-Einheit einmal gefragt – und ich werde es an dieser Stelle nicht in Englisch wiedergeben – : Wie steht ihr zu der EU, findet ihr sie gut, soll sie noch größer werden? Es wäre gelogen zu sagen, diese Sammelfrage hätte mir den Schlaf geraubt. Aber sie hat mich dann doch zumindest tagsüber beschäftigt, diese EU-Sockenschublade. Wir in Deutschland ziehen daraus eindeutig unseren Vorteil. Periphere Staaten, nehmen wir zum Beispiel Portugal oder Griechenland oder auch Spanien stehen im Vergleich zu uns schon wieder schlechter da – aber immer noch besser als Staaten, die nicht in der EU sind. Die EU bringt uns viel gutes, aber, um einmal unseren deutschen Blickwinkel zu verlassen, ist vieles auch noch sehr unausgereift. Die EU ist wenig sozial, sie ist marktorientiert und darauf, die Ausgaben zu senken und die Einnahmen zu steigern. Die EU ist auch nicht wirklich demokratisch. Nämlich in diesem Sinne, dass der Bürger eigentlich nicht vom EU-Parlament repräsentiert wird. Es liegt selbst peripher, außerhalb der bürgerlichen Wahrnehmung. Ich persönlich finde es daher weniger gut, übermäßig viele Kompetenzen auszulagern. Ein neues Großreich Europa – und dem würden wir uns durch die Zentralisation wohl annähern – wäre von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Das zeigten schon jene Imperien vor uns. Europa zeichnet sich ja gerade durch die Vielfalt seiner Socken aus. Das sollte man bewahren. Was dagegen meine heimische Sockensammlung betrifft, so wird es ihr jetzt an den Kragen gehen.

~ von leaclow am Juli 1, 2009.

2 Antworten to “Sockensammlung”

  1. hübscher vergleich mit den „socken“! „g“
    das europa seine zölle auf waren aus dem ausland hoch einstuft haben sie sich von amerika – nur um ein beispiel aus der gegenwart heran zu ziehen – mal eben abgeschaut. bei denen haben waren aus mittel- und südamerika auch einen schweren stand. es ist eine kapitalistische welt, ob man das nun gut heißen möchte oder nicht! europa hat schon jetzt die problematiken der usa, hoffentlich schauen sie sich aber nicht alle problemlösungen ab!!!!

    • Ja, das stimmt. Es ist eine kapitalistische Welt…aber ich kann mich nicht von dem Gedanken befreien, dass sich der Kapitalismus eines Tages selbst überleben wird – und wenn auch nur für kurze Zeit, wie die Theorie der Langen Wellen lehrt. Es ist wohl sehr naiv anzunehmen, dass, würden wir alle ein wenig mehr auf andere und weniger auf uns selbst achten, es der Welt insgesamt besser gehen würde…

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